Die Bedeutung von Demokratie für die neue Arbeitswelt – im Gespräch mit Dr. Andreas Zeuch

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Als Coach, Autor und Berater beschäftigt sich Andreas Zeuch vor allem damit, Arbeit selbstbestimmter und demokratischer zu machen. Denn warum sollte man die demokratischen Errungenschaften, welche gesellschaftspolitisch so geschätzt werden, in der Arbeitswelt aufgeben? Dazu, über nächste Schritte für eine Neue Arbeitswelt und mehr spricht Andreas im Interview mit dem Workpath Magazin.

Hallo Andreas. Vielen Dank, dass Du heute mit uns für das Workpath Magazin sprichst. Dein Buch “Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten” hat dieses Jahr bereits den 3. Geburtstag gefeiert. Wofür stehen die Unternehmensdemokraten und wo soll es noch hingehen?

Wir stehen für eine partizipative Arbeitswelt, in der alle Mitarbeitende von Organisationen zur Führung und Gestaltung von Organisationen eingeladen werden. Man kann das als Demokratisierung der Arbeit beschreiben, aber natürlich greifen auch andere Begriffe wie New Work / Neue Arbeit, Arbeiten 4.0 oder Selbstorganisation. Wir möchten zukünftig einen Beitrag dafür leisten, dass formal-fixierte Hierarchie nicht mehr als selbstverständlich angesehen wird, sondern als eine Möglichkeit von mehreren. Denn bis heute ist die klassische Aufbau- und Ablauforganisation DAS Standardmodell und Standardnarrativ. Es ist den wenigsten Arbeitnehmer*innen, Führungskräften und dem Top-Management klar, dass es auch ganz anders geht.

Die Rechtslage ist nicht vom Himmel gefallen und kann an die modernen Bedürfnisse von Organisationen angepasst werden.

Erzähl uns doch ein bisschen, was Du bisher im Rahmen der Unternehmensdemokraten und in Deiner Arbeit als Coach gemacht hast. Welche Themen haben Dich hauptsächlich beschäftigt?

Ich arbeite vorwiegend als Berater, indem ich Organisationen auf ihrem Weg zu mehr Agilität, Partizipation und Selbstorganisation begleite. Dabei reicht das Spektrum bezüglich der Größe von kleinen Unternehmen mit 40 Mitarbeitenden bis zu Konzerntöchtern mit 1000 Mitarbeitenden in ganz unterschiedlichen Branchen.

Bei der Arbeit gab und gibt es diverse Unterthemen: Im Zentrum stehen meist kulturelle Fragen, wie es nachhaltig gelingt, Führungskräfte dafür zu gewinnen, ihren Mitarbeitenden mehr Entscheidungsmacht abzugeben und umgekehrt, wie dann die Mitarbeitenden auch diese neue Möglichkeiten annehmen und leben. Natürlich sind im weiteren Verlauf auch methodische Fragen immer wieder wichtig. Zum Beispiel welche Entscheidungsinstrumente in welchen Zusammenhängen nützlich sind.

Bei all dem liegt mir das partizipativ-demokratische Element am meisten am Herzen. Schließlich leben wir in einer Demokratie, arbeiten aber zumeist in mehr oder minder autokratischen Systemen. Das ist für mich ein massiver Widerspruch, auch wenn er juristisch über das Eigentumsrecht sowie die juristisch kodifzierte Verantwortung seitens des Top-Managements erklärt wird. Das ist bis zu eine gewissen Grad sinnvoll – aber die Rechtslage ist nicht vom Himmel gefallen und kann an die modernen Bedürfnisse von Organisationen angepasst werden.

Warum ist selbstbestimmtere Arbeit so ein wichtiges Thema? Was sollten Unternehmen tun, um Demokratie zu leben?

Aus meiner Sicht gibt es da zwei Dimensionen. Eine wirtschaftliche und eine sozial-kulturelle. Wirtschaftlich tut es häufig Not, flexibler und agiler zu werden und die Innovationskraft einer Organisation zu stärken. Da geht es dann letztlich um den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Die sozial-kulturelle Dimension betrifft die Freude an der Arbeit, die Freisetzung der intrinsischen Motivation. Das ist einerseits ein relativ weicher Wohlfühlfaktor, andererseits aber auch ein teils messbarer Aspekt. Zum Beispiel im Sinne von Krankenfehlständen und Fluktuationsraten.

Ich finde bis heute die Frage sinnvoll, warum wir in einer halbierten Demokratie leben. Gesellschaftspolitisch will wohl kaum jemand in einer Autokratie leben, da wollen vermutlich die meisten von uns die Vorzüge der Demokratie leben. Aber wenn es ans Arbeiten geht, geben wir plötzlich viele demokratische Errungenschaften auf. Wie steht es zB um die verfassungsrechtlich verbriefte Meinungsfreiheit? Theoretisch kann mir auch im Unternehmen niemand den Mund verbieten, aber faktisch ist schon manche Karriere den Bach runtergegangen, weil jemand seine ehrliche Meinung über etwas geäußert hatte. Interessanterweise dürfen und sollen wir alle ein mehr oder minder selbstbestimmtes Privatleben führen. Aber wenn wir am Arbeitsplatz sind, gilt das plötzlich nicht mehr. Diese Diskrepanz finde ich ziemlich fragwürdig.

Dieses Jahr hast Du priomy gegründet. Was war der Anlass?

Das ist ganz einfach: Ich bin mittlerweile seit 15 Jahren als selbstständiger Einzelberater tätig und hatte einfach wieder große Sehnsucht, täglich im Team zu arbeiten. Außerdem kann ich die Idee einer Plattform für selbstbestimmte Arbeit, die mehr bietet als nur Beratung, Training, Coaching und Vorträge nicht alleine realisieren. Konkret wollen wir die Zukunft der Arbeit durch folgende Leistungen mitgestalten:

  • Eine Nischenjobbörse exklusiv für Arbeitgeber und -nehmer, die ein ernsthaftes Interesse an selbstbestimmter Arbeit haben
  • Mit dem CultureCheck bieten wir Organisationen die Möglichkeit, den Stand ihrer selbstbestimmten Arbeit (Agilität, New Work, Selbstorganisation, Unternehmensdemokratie…) zu erheben und nach außen transparent zu machen.
  • Für Arbeitnehmer*innen erarbeiten wir einen CompetenceCheck, das Pendant zum CultureCheck.
  • Wir werden diverse Veranstaltungsformate und -kooperationen entwickeln, um gemeinsam die Themen voranzubringen und zu entwickeln. Am 15.06. fand unsere 1. (Un)Konferenz in Berlin statt, Fokus: Die Angst vor der Freiheit.
  • Mit priomy.pieces biete wir ein Sustainable Employer Branding, indem wir mit unseren Kunden gemeinsam Performances und Aktionen in der Offline Welt entwickeln und durchführen. Damit wollen wir helfen eines der größten Probleme zu lösen: Die mangelnde Sichtbarkeit kleiner und mittelständischer Unternehmen auf dem Arbeitsmarkt.
  • Last but not least verlieren wir natürlich nicht unsere mehr oder minder gemeinsamen Wurzeln: Beratung, Training, Coaching und Vorträge.

Alle Transformationen hin zu mehr Agilität und Selbstorganisation stoßen immer noch an die Grenze rechtlicher Rahmenbedingungen

Was muss mit Hinblick auf eine Neue Arbeitswelt als nächstes geschehen? Was läuft noch falsch? Und was können Unternehmen und Einzelpersonen dazu beitragen?

Sehr gute Frage! Die Chronologie wage ich nicht zu fixieren. Ich glaube es braucht aktuell mehrere parallele Entwicklungen. Insofern sind die folgenden Punkte keine zeitlich geordnete Liste:

  • Wir brauchen dringend eine Reform des Gesellschaftsrechts. Unsere Kapitalgesellschaften wie GmbH, AG etc. sind der alten Arbeitswelt geschuldet, in der die heutigen agilen und selbstbestimmten Arbeitsprozesse, -kulturen und -strukturen noch nicht bedacht waren. Das ist verständlich, muss sich aber dringend ändern. Alle Transformationen hin zu mehr Agilität und Selbstorganisation stoßen immer noch an die Grenze rechtlicher Rahmenbedingungen. Das Topmanagement steht noch immer alleine in der Verantwortung und kann deshalb jederzeit beispielsweise ein soziokratisches Organisationsmodell wieder für gegenstandslos erklären.
  • Unsere Erziehung und Bildung ist häufig nicht hilfreich, um Menschen auf eine selbstbestimmte Arbeit vorzubereiten. Das beginnt bei den Eltern, jüngst habe ich dazu einen Blogpost geschrieben, der viel Zuspruch fand: Der Tod von New Work: Helikopter-Eltern, Curling-Eltern, Schneepflug-Eltern. Die Schule und später die Universitäten und Berufsausbildungen sind häufig auch noch wenig darauf ausgerichtet, eigenverantwortliches Handeln zu stärken. 
  • Wir brauchen steuerliche Entlastungen für Organisationen, die unsere demokratischen Werte deutlich besser realisieren, als die üblichen top-down gesteuerten Organisationen. Ich denke da an die Vorschläge der Gemeinwohlökonomie, entlang verschiedener Dimensionen wie nachhaltige Produktion und Distribution, Partizipation und dergleichen mehr, steuerliche Vorteile anzubieten.

Was war Dein schönster New Work Moment? Wann dachtest Du (das letzte Mal) “hier sind wir auf dem richtigen Weg”?

Den einen großen Moment gab es nicht, aber viele verschiedene. Ein Kunde meldete mir zurück, dass die Arbeit seit unserer Zusammenarbeit viel besser läuft und viel mehr Freude macht. Oder eine Vorsitzende eines Managementtboards war beim allerersten Telefonat nicht nur offen, sondern sogar dankbar für mein kritisches Hinterfragen ihres Vorhabens. Oder ein Mitglied eben diesen Managementboards meldete mir nach dem initialen Workshop zurück, ich sei eine “Reflexionsmaschine”, was natürlich als Kompliment gemeint war.

Auf dem richtigen Weg zu sein, dachte ich gerade diese Woche das letzte Mal bei einer Veranstaltung mit rund 70 oberen Führungskräften einer Konzerntochter. Da kam viel in Bewegung. Das war vor allem deshalb großartig, weil die die zwei Tage komplett alleine gestaltet hatten. Und das Programm war großartig.

Das Ziel der Veranstaltung bestand darin, die Führungskräfte unter dem Managementboard in die laufende Transformation einzubinden und mit ihnen gemeinsam den weiteren Verlauf zu gestalten. Mit verschiedenen Formaten wie World-Cafe und Barcamp wurden wichtige Themen identifiziert und für die Bearbeitung im Unternehmen vorbereitet.

Darüber hinaus bestand von Seiten der Teilnehmenden der Wunsch, durch Inputs verschiedener Personen Anregungen für den eigenen Veränderungsprozess zu bekommen. Deshalb gab es drei Mini-Workshops, in denen ehemalige Bahner und ich verschiedene Themen mit den Teilnehmenden bearbeitet haben. Ich war dabei verantwortlich für einen Input zur Demokratisierung von Unternehmen, um zu zeigen, was andere Unternehmen erreicht und wie sie es geschafft hatten und welche Schwierigkeiten es auf dem Weg dorthin gab.

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