Dr. Mario Herger über Mitarbeitermotivation und Enterprise Gamification

InterviewsMitarbeitermotivation

Gamification im Kontext der Arbeitswelt gewinnt zunehmend an Bedeutung. Dabei können Spieledesignelemente in Unternehmen angewendet werden, um motivierend wirkende psychologische Grundbedürfnisse zu erfüllen sowie Selbstbestimmung und Sinnerleben für Mitarbeiter inner- und außerhalb einer Organisation zu ermöglichen. Das Workpath Magazin traf dabei Innovationsstratege und Gamification Experte Dr. Mario Herger, der Einblicke über Gamification im Zusammenhang mit Mitarbeitermotivation sowie modernem Ziel- und Performance-Management gibt. 

Du bist einer der ersten, die Gamification in Deutschland bekannt gemacht haben. Was verstehst du du Enterprise Gamification und welcher Zweck wird damit verfolgt?

Gamification wendet Spieledesignelemente im nicht-spielerischen Zusammenhang an und ist vor allem in Unternehmen an Mitarbeiter gerichtet. Damit sollen Verhaltensweisen von Mitarbeiter modifiziert werden, unter anderem damit sie sich mehr engagieren, besser lernen, und mehr zusammenarbeiten.

In welchen Unternehmensbereichen findet Enterprise Gamification Anwendung? Welche Auswirkung hat Gamification auf das Ziel- und Performance-Management?

Gamification kann in allen Unternehmensbereichen eingesetzt werden, wo es um menschliche Verhaltensweisen geht. Und das sind somit alle Bereiche. Betrachtet man Spiele, dient alles was man macht der Zielerreichung. In Unternehmen nicht unbedingt, das kann völlig losgelöst sein. Wäre das Spiel “Unternehmen” richtig gestaltet, dann bräuchte man Ziel- und Performance Management gar nicht.

So finden heute Mitarbeitergespräche oft Monate nach der Aktion, dem Ende des Projekts oder Abschlusses statt. So, als ob man erst drei Monate später erfährt, ob man die Schweine in Angry Birds getötet hat. Da kann ich mich nicht mehr erinnern, was ich genau gemacht habe und was zum Erfolg führte. Ich lerne also kaum.


“Ein Gamification System ist das ultimative Ziel- und Performance-Management System.”


In Spielen sind Performance und Ziel mit den Aufgaben verschmolzen. Ziele sind unmittelbar erkennbar, Feedback kommt sofort, Verbesserungen, zu setzende Maßnahmen und Lernen können gleich danach erfolgen. Und die Daten werden sofort ausgezeichnet und können angezeigt werden. Ein Gamification System ist das ultimative Ziel- und Performance-Management System.

Ein Spiel wie World of Warcraft hat bessere Daten auf den Spielern als Milliarden Dollar schwere Unternehmen zu ihren Mitarbeitern.

Du siehst Gamification als Vehikel, um Verhaltensforschung und Motivationstheorien in die Unternehmen zu integrieren. Woran scheitern die gegenwärtigen Methoden der Mitarbeitermotivation?

Die meisten heutigen Ansätze setzen zu sehr auf extrinsische – also von außen kommende – Motivationsfaktoren. Bonus, Punkte, Badges und mehr Gehalt sind extrinsisch. Die funktionieren im ersten Moment zwar klasse, aber mittel- und langfristig demotivieren sie. Vor allem Wettbewerbselemente machen da viel kaputt. Zudem führen extrinsische Faktoren oft zu unerwarteten negativen Konsequenzen wie Schummeln.

Intrinsische Ansätze zielen dagegen auf Lernen, Meisterschaft und Sozialisieren, also mit Leuten zusammenzuarbeiten, ab.

Wann können Anreizsysteme durch extrinsische Motivation sinnvoll eingesetzt werden?

Alleine gar nicht. Extrinsische Elemente sind immer nur eine Art Zähler, wie gut ich dabei bin, meine intrinsischen Ziele zu erreichen.

Welche Gamification Elemente kann das HR Management in die alltägliche Arbeit integrieren, um Mitarbeitermotivation intrinsisch zu stärken?

Da gibt es so viele, dass ich ein ganzes Buch nur zu Gamification im Personalwesen geschrieben habe. HR umfasst ja weite Bereiche, von Recruiting, Interviewprozessen, Onboarding, Einschulung, Performance Management, Weiterbildung, und wenn ein Mitarbeiter das Unternehmen verlässt.

Dabei ist HR nicht alleine dafür zuständig, sondern muss das immer mit dem Management gemeinsam machen. Wenn HR intrinsische Motivationsfaktoren beispielsweise für die Weiterbildung einführt, dann aber das Management vor allem nach extrinsischen Faktoren beurteilt (beispielsweise wie viele Kundenmeldungen abgearbeitet wurden), dann wird das nichts.

Inwiefern stärkt Gamification die Zusammenarbeit im Team und persönliche Weiterentwicklung statt Wettbewerb und Konkurrenzdenken unter Mitarbeitern?

Gut gemachte und verstandene Gamification baut immer kollaborative Elemente ein und versucht, Wettbewerbselemente à la Ranglisten und Preise zu vermeiden. Wir sind soziale Wesen und bevorzugen immer etwas, wo wir eine Entschuldigung kriegen und mit anderen Menschen zusammen sind. Insofern kann gut designte Gamification, die die Kooperation mit Kollegen erfordert, sich sehr positiv auf Kollaboration und Mitarbeitermotivation auswirken.

Welche Potenziale eröffnen neue, digitale Prozesse, um gamifizierte Anwendungen in Organisationen zu implementieren?

Ich kann nicht nur mehr Mitarbeiter günstiger durch digitale Werkzeuge erreichen, sondern auch automatisch Daten sammeln, die Fortschritte anzeigen. Das Management erhält damit auch einen viel besseren Überblick zu Projekten und dem Zustand des Unternehmens insgesamt.

Welche Spielelemente haben deiner Ansicht nach den größten Impact auf Mitarbeiter und würdest du in Unternehmen einsetzen? Gibt es einen Showcase?

Dazu stelle ich immer die Gegenfrage: “Tragen in einem Auto ein rotes Starterkabel, ein metallener Schalthebel und ein Ledersitz zu einem besseren Fahrgefühl bei oder nicht?“ Niemand würde auf die Idee kommen, diese Frage bei Automobildesigns und Fahrgefühl zu stellen. Es kommt immer auf das Zusammenspiel dieser Elemente an, und für wen diese Erfahrung gebaut wird. Wichtiger ist, dass man seine Spieler kennt. Ein Ferrari ist zwar ein tolles Auto, trotzdem wird es der Soccer-Mom, die damit vier Kinder zu Schule und Nachmittagsbetreuung fahren muss, nicht den besten Impact geben und die ideale Lösung sein.

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